Leseprobe – Peter Bähr

Auszug I. Akt Schnurren. Gedichte. Kalendergeschichten hier: Szene 5 von 9 Der Goldfisch oder Als Czernys Etüden einmal unversehens aus dem Takt geraten sind Einmal, es war wohl während des lustlosen Herunterspielens der eintausend Kompositionen eines gewissen Carl Czerny – der bekanntlich Schüler von Beethoven und seinerseits Lehrer von Liszt gewesen war – ,während dieser Fleißarbeit also, die Zeit beansprucht und allen ernsthaften Pianisten empfohlen wird, kurz, einmal bemerkte ich durch die Taste des dreigestrichenen C hindurch ein leises Pochen. In der Annahme, einer Täuschung erlegen zu sein, ist fortgefahren und präludiert, aber bei jedem erneuten Anschlag des besagten Tones wiederholte sich derselbe Eindruck: die Fingerkuppe nahm eindeutige Impulse wahr. Apropos Klavier oder darzulegen: ein schon betagtes, um nicht zu sagen antiquiertes Instrument aus Japan, auf elektronischer Basis aufgebaut und ohne Zweifel wetterwendischen Tücken im Gefolge mechanischer Mängel nicht abhold – deshalb galt der erste Gedanke, verständlicherweise, mitunter auftretenden Kriechströmen, die zwar schwach, aber gerade noch spürbar, über diese Taste den Weg zu mir gefunden haben mussten. Wie auch ergänzend eingeflochten sei, dass die Wissenschaft als Ursache eines solchen Defekts Verunreinigung nennt oder Feuchtigkeit. Aber ich will nicht vorgreifen. Oder referieren über Bedingungen von Ventilation und Kondensationsverzug. Geschweige aufwärmen eine Kontroverse über das Faktum Taupunktdifferenz – herausgegriffen Meyers Enzyklopädisches Lexikon, 9. Auflage, 1978, Band  23, Seite 257, Spalte 2. Nicht minder plausibel zu Rate ziehen ein 608-Seiten-Universal-Nachschlagewerk und erspäht anno 1979 in der Auslage einer Araltankstelle: mithin und wofern es dunstig, um ein Erdatmosphärengasgemisch vulgo Lufttrübung es sich handele – in summa seien es mikroskopisch feinste Wassertröpfchen. Oder war’s gewesen bei Esso – auf dass der Gedankenflug beendet? Soll heißen: wo stehengeblieben? Indem mein Pensum eine gute Viertelstunde befreit schien von Fehlern und Störungen. Bis ich in die Pfütze patschte: mutmaßlich ein Wärmestau, ein Zuviel an Betriebstemperatur, feuchtkalte Zugluft vom Fenster? En passant hatten Kondenstropfen, wo nicht mein Knie, so den Fußboden benetzt – eine Wischprobe bestätigte den Augenschein. Und prompt ist aufs neue gestrauchelt über eine heftige Irritation beim dreigestrichenen C! Verständige Menschen hätten schleunigst den Netzstecker gezogen oder alternierend die Hauptsicherung herausgeschraubt: weder an das eine noch an das andere kann ich mich erinnern. Es war auch noch nie Wasser im Instrument gewesen. Groß freilich das Erstaunen, als nach dem Öffnen der Klaviatur, anstelle der bekannten und mehr oder weniger aufwendig gestalteten Systemen der Elektronik, als nunmehr simple Kieselsteine zum Vorschein kamen und genau dort, wo Dioden, Widerstände und Kondensatoren das problematische C zeitigen sollten, ein gestrandeter Fisch steckte, ein Goldfisch (Carassius carassius auratus), der auf rätselhafte Weise den Weg hierher gefunden hatte und mich anstarrte, dabei ganz offensichtlich mit seinem Latein am Ende war, ja höchst bedenklich zuckte. Mehr noch – der kleine Kerl kämpfte um sein Leben! Ein leichtes, die zwei, drei Hindernisse zu entfernen, ihn zu befreien – gleichwohl das Instrument zu ruinieren: durchaus war nämlich eine Struktur zu erkennen und eine Ordnung im Geröll, in einer nur scheinbar wahllosen Aufschüttung. Augenblicklich schämte ich mich ob meiner Bedenken und war noch einmal herangeschlichen, in einem günstigeren Winkel. Jedoch neigen derart Bedrängte, zumal in auswegloser höchster Not, zur Panik; falls mein Zugriff misslang und wenn der Schlag ihn rührte, so wäre sein Ende noch eines mit Schrecken gewesen. Aber nur wenig duckte er sich, schmiegte sich schon in meine Hand. Ging vielleicht zugrunde während dieser dramatischen Sekunden, da ich zum Waschbecken eilte, beide Hände schützend um den kalten Körper gelegt, um ihn dem Element, das er so lange entbehrt haben mußte, wieder zuzuführen? Was ihm gefiel, wie den wohligen Seufzern und Lauten zu entnehmen war, die nur aus einem Fischmaul stammen konnten, und wer je ähnliches erlebt hat, wird bestätigen, wieviel Fingerspitzengefühl es braucht und welche Umsicht, damit nicht zuletzt noch ein Unglück geschieht, nämlich des Guten zuviel! Dosiert und fein zerstäubt war anfangs der Strahl; vielleicht kennen Sie noch diese elastischen Tüllen mit einem breiten Sieb am Ende? Und zusehends erholte sich der kleine Fisch: Blässe wich einem leuchtenden Rot, die Schuppen begannen mehr und mehr zu glänzen, er wurde immer lebhafter. Andererseits wollte ich nicht bis ans Ende aller Tage am Ausguss stehen. Lediglich eine Blumenvase und eine Kaffeetasse waren in Reichweite, und in Ermangelung eines geeigneteren Gefäßes – denn wer ist eingerichtet auf derlei Modalitäten – war’s schon entschieden. Stets darauf bedacht, dass nichts überschwappte, trat ich in die Pedale, was nicht unproblematisch, mit einem Scheunenfund-Hochrad und teilrestauriert, Baujahr 1885. Rollte und rumpelte ergo, recht und schlecht, zu einem Teich, der etwas außerhalb von W. gelegen und der nur wenigen bekannt – Wölfe heulen dort wie Hunde -, weshalb ich mich hüten werde, auf die Beschreibung meiner Umwege auch nur entfernt einzugehen oder darüber Angaben gleich welcher Art zu machen, geschweige irgendwelche Worte zu verlieren, was nachgesehen sei. Falsch! Nicht einmal um Verständnis bitte ich: weil dort der Fisch heute noch schwimmt, stoisch – seine Kreise zieht, plätschernd dann und wann mit kleinem Handgepäck. Und wenn er nicht gestorben ist, alternierend ausgestattet mit einem modisch neuen Hut? In Sachen Kopfbedeckung – vielleicht genannt ein Borsalino? Aus Biberfilz: ein zugegeben skurriler, ein geradezu abwegiger Gedanke

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Auszug II. Akt, 6. Szene / 6. Kapitel

… Ein Routinier rechnet mit Tagen, mit Stunden, mit Minuten, ja mit Augenblicken der Wendung; es galt, auf der Hut zu sein, sich nicht zu verirren in den Labyrinthen der Philosophen und falschen Propheten, und wiederum übernimmt und führt verläßlich sein Instinkt, als der Alte lachte, weil sieben Tage die Woche und ergänzte: „Kommt der Tag, so bringt’s der Tag!“, und beinahe kokett ihn belauernd: „Was der Januar nicht schafft? Schafft vielleicht der Februar“ und weiterschwätzend, wer lange huste auch lange lustig lebe. Und wenn’s nicht schlimmer werde? Seinerseits? Keine Einwände!

„Wir warten’s ab. Wappnen uns mit Geduld.“

Diesmal würde er nicht am Bahnhof abgeholt werden, und deshalb mußte es wieder ein Mitbringsel sein von Wiking. In einer dieser kleinen weißen Tüten; am besten ein Postauto? Seine Ansichtskarten und Briefe befördernd.  Sechs Mark fünfzig die Übernachtung; haushalten  mit den Selbstgedrehten? Würde bekanntermaßen nicht funktionieren, insofern ist das Frühstück aufzukündigen. Oder unterwegs: Weck und Wurst, einhundertfünfzig Gramm. Oder einhundert; dies war das Geringste, es würde schon rechtzeitig ausgeglichen werden. Und zuerst würde er die eine Manteltasche abklopfen, schauspielernd suchen in der anderen: doch nicht etwa verlorengegangen? Sodann im Jackett? Aufknöpfen, zuknöpfen. Zuletzt würden die Hosensäume umgekrempelt: kleine weiße Tüte? Wenn der Junge nur nicht wieder losheulte! Hinwiederum würde sie berichten von der unfallträchtigen Kreuzung, halb unter den Lieferwagen geklemmt der Motorradfahrer, vollkommen reglos. „Aua!“ Nur diese Klagelaute, immer wieder „Aua!“ Alle hätten’s gehört. Und er? Erklären würde er ihr, daß so und nicht anders das Leben sei und daß sie überlebt hätten und daß damit alles gut sei, denn was er mitgebracht habe aus Rußland vor allem die Demut sei. Und die Geschoßgarbe, einst auf freiem Felde, hinein in ihre Tagträume und nur für sie bestimmt, lidschlagschnell: ein zweites Mal war sie nicht im Visier, nicht aufs Korn genommen, es wäre ein leichtes gewesen; der Bordschütze vielleicht in ihrem Alter, und woher sollte er wissen, daß ein ehemaliges Pflegekind dort unten über die Obstwiese huschte, die Fürsorge diesen Platz auf dem Lande ausgewählt hatte, wie auch in Hitler den Übervater sie gesehen? Jedenfalls sei das Jagdflugzeug weitergeflogen. Geradeaus. Aufblicken würde sie zu ihm, Kaspar Karl-Amadeus Frühling, und nichts begreifen. Und trotzdem würden sie glücklich sein, sehr glücklich, alle drei. …

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Peter Bähr – Literatur & Bühne – 40 Jahre

AUGSBURGER ALLGEMEINE … den gefesselten Zuschauern glaubhaft … BAYERISCHER RUNDFUNK … beeindruckt durch die elaborierte Erzählersprache und ihre szenische Evokationskraft … BAYERISCHE RUNDSCHAU … werden Erinnerungen an Gottfried Benn wach … BRAUNSCHWEIGER ZEITUNG … in ihrer rauhen und ungeschminkten Wahrhaftigkeit … BURGHAUSER ANZEIGER … stimmte das Publikum deutlich … DEUTSCHLANDFUNK … ziselierte Umständlichkeit … DIE UNION (Dresden) … so daß man in die Lage kommt, beinahe jede Fingerbewegung seiner Figuren mitzuerleben. Das wäre alles schön und gut, hätte Bähr tatsächlich etwas mitzuteilen … DRESDNER NEUESTE NACHRICHTEN … in ausgesprochen kunstvoller Sprache verdichtet er sie zu skizzenhaften Psychogrammen, die am stärksten beunruhigen, wenn in ihnen ein Mangel an menschlicher Wärme aufgezeigt wird … ERDINGER NEUESTE NACHRICHTEN … läßt an Glas denken, durchsichtig und klar … FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG … manieriert … FOLKmagazin … Peter Bähr sollte man sich anhören … IDSTEINER ZEITUNG … erntete lang anhaltenden Applaus … LIPPISCHE LANDESZEITUNG … und die Worte sind wie Noten gesetzt … schillernde Vielfalt seines Könnens … MAINPOST … ausgefeilt zeigt sich seine Vorstellung vom Menschen in  „Kaspar Frühling“ … MAINZER LITERATURTELEFON (1991) … MAINZER RHEIN-ZEITUNG … weder anregend noch unterhaltsam … MITTELDEUTSCHE ZEITUNG (Halle) … man hat schon wesentlich brisantere Texte gehört … MITTELDEUTSCHE ZEITUNG (Naumburg) … expressive Form der Darstellung … ein Erlebnis … MÜNCHNER FEUILLETON … Urgestein der Off-Szene … MÜNCHNER LITERATURTELEFON (1998) … MÜNCHNER MERKUR … Stark an ein Hörspiel erinnerte die szenische Lesung … NEUE PRESSE COBURG … glasklar sind die Worte, die Peter Bähr formt … NEUE WERNIGERÖDER ZEITUNG … eine Kunstwelt von großer Perfektion … Sprache in feinstem Diamantschliff, die filigran gebauten Satzkonstruktionen, das Wiederhören eines selten gewordenen Vokabulars … NEUE WÜRTTEMBERGISCHE ZEITUNG (Göppingen) … Bährs Vortrag zeigt Erfahrungen als Schauspieler … NORDBAYERISCHER KURIER … Bähr bietet, was eine Autorenlesung bieten kann: ein Erlebnis … OBERBAYERISCHES VOLKSBLATT (Rosenheim) … Feuerwerk … OBERFRÄNKISCHER TAG … Bähr spielt mit dem Wort, meistert es und läßt es funkeln … OBERHESSISCHE PRESSE … abgezirkelte, durchformte Sprache … PIRMASENSER ZEITUNG … der poetischste Vortrag kam von Peter Bähr aus Bamberg … POTSDAMER NEUESTE NACHRICHTEN … in keine Schublade einzuordnen … re>flex-MAGAZIN (Erlangen/Nürnberg) … trotz seiner slam-fremden Sprache, die schon eine ordentliche Patina angesetzt hat, gelang es Bähr, das Publikum zum Lachen und Klatschen zu bringen … REUTLINGER GENERALANZEIGER … bedingt durch die existenzielle Qualität des Befragens, die bei Bähr gegeben ist … RHEINISCHE POST (Düsseldorf) … der oft um Banalitäten kreisende, Schleifen ziehende Erzählstil … RHEIN-NECKAR-ZEITUNG … eine vorinszenierte Show aus Worten … RHEINPFALZ (Kaiserslautern) … mochte sich treiben lassen in einer Fülle von sinnlichen Eindrücken, Szenen von eindringlicher Atmosphäre, Metaphermeeren … Genreszenen läß er kippen in surreale, traumhafte Momente … Das, womit der Zuhörer bei dieser Dichterlesung konfrontiert wurde, war anders, war fremd und neu … RHEIN-ZEITUNG (Koblenz) … zum fast unerträglichen Psychothriller … SAALE-ZEITUNG … ist nicht die Beschreibung, die Bährs Texte durchgehend so spannend macht, sondern die genaueste Beobachtung … SACHSENSPIEGEL … perfekter intellektueller Oberflächensensualismus, aber keine Subtilität, keine … SÄCHSISCHE ZEITUNG (Dresden) … das gesprochene Wort dominiert, die Darbietung entbehrt jedes Show-Effekts … SÄCHSISCHE ZEITUNG (Görlitz) … hatte Außergewöhnliches … SÜDDEUTSCHE ZEITUNG … wahrlich sehr vergnüglich … SÜDWESTPRESSE (Tübingen) … spannend ist’s … und seine Texte sind neu. Bei der gegenwärtigen Second-hand-Produktion wird das durchaus zum Kriterium … SÜDWESTRUNDFUNK … bar jeder dramatischen Spannung … TAGBLATT (Lichtenfels) … Beobachter, der scharf hinter die Dinge sieht … TAGES-ANZEIGER (Zürich) … überraschender Fund jenseits der eingefahrenen Erwartungen … kleine literarische Wanderungen durch das Alltägliche mit zahlreichen hinterhältigen, doppelbödigen Fallen und Bruchstellen …THÜRINGER ALLGEMEINE … hörten gespannt dem Künstler zu … WESTDEUTSCHER RUNDFUNK … Humor und eine Sprache, die immer wieder zu überraschen vermag …